Fünf Fragen an den Schweizer Cannabisforscher Prof. Rudolf Brenneisen

Zum Thema: CBD stand bisher im Schatten von THC. Hat CBD jetzt als Nischenplayer eine Chance?

CBD werden etliche therapeutische Wirkungen zugesagt.
Was lässt sich derzeit gesichert sagen?

Nach den Daten von Swissmedic kommen als mögliche therapeutische Wirkungen antioxidative, antiinflammatorische, antikonvulsive, antiemetische, anxiolytische, hypnotische und antipsychotische Effekte in Betracht. Nach Einschätzung von Dr. Franjo Grotenhermen kommen folgende Einsatzgebiete infrage:

  • Epilepsie, insbesondere Dravet-Syndrom und Lennox-Gastaut-Syndrom
  • Angststörungen
  • Depressionen
  • schizophrene Psychosen
  • Entzündungen und entzündlich bedingte Schmerzen
  • Bewegungsstörungen wie Dystonie und Dyskinesien
  • Übelkeit und Erbrechen

Kommt jetzt der Durchbruch von CBD in der Medizin?
Derzeit liegen nur wenige kontrollierte Studien vor. Der Cannabisforscher Prof. Raphael Mechoulam hat bereits Fakten einer In-vitro-Studie aufgelistet, die die nervenschützende Wirkung von CBD bei zerebraler Ischämie, Typ-1-Diabetes, Angst, rheumatoider Arthritis sowie bei Krebs zeigen. Seine Kollegin Dr. Teresa Iuvone hat das therapeutische Potenzial von CBD bei Erkrankungen wie Alzheimer, multipler Sklerose und Parkinson betont, mit dem Vorteil des Fehlens psychotroper Nebenwirkungen. Nach meiner Einschätzung hat CBD als Nischenplayer dort eine Chance, wo etablierte Medikamente versagen.

GW Pharmaceuticals hat gerade in klinischen Studien mit Kindern positive Ergebnisse von Medikamenten auf Basis von CBD-Extrakten gezeigt. CBD hatte eine positive Wirkung auf bestimmte Formen von Epilepsie. Wurde CBD bisher unterschätzt?
CBD stand bis vor wenigen Jahren noch im Schatten des Wirkstoffs THC und wurde als pharmakologisch unwirksames Faserhanf-Hauptcannabinoid diskriminiert. Erst In-vitro-Studien haben die hochkomplexe Pharmakologie und das verkannte therapeutische Potenzial von CBD zum Vorschein gebracht. Mitverantwortlich waren natürlich die berührende Charlotte-Story wie auch der weltweite Medien- und Internetrummel betreffend das Rick-Simpson-Öl.

Nun wird der CBD-Extrakt derzeit für die Zulassung als Medikament von der Food and Drug Administration der USA in Betracht gezogen, die den Pfad für die Ärzte vorschreiben würde, um sie zu verschreiben.
Ja, die Resultate der amerikanischen Epilepsiestudie von GW Pharmaceuticals mit reinem aus CBD-Cannabis isoliertem CBD sind so erfolgversprechend, dass ein beschleunigtes Zulassungsverfahren auch außerhalb der USA erwartet werden kann. Ein klassischer Fall von „Anwendung aus Mitgefühl“, also dem Einsatz eines noch nicht zugelassenen Arzneimittels an Patienten in besonders schweren Krankheitsfällen, die mit zugelassenen Arzneimitteln nicht zufriedenstellend behandelt werden können.

In Deutschland ist CBD ein anerkannter Wirkstoff und apothekenpflichtig. Wäre diese Regelung auch für andere Länder empfehlenswert, und wie ist die Situation in der Schweiz?
In der Schweiz ist seit kurzem CBD als Medikament verboten. Die bisherige Abgabemöglichkeit über Apotheken wurde zurückgenommen – das halte ich allerdings für einen Fehler und eine Überreaktion der Behörden auf den CBD-Hype. Laut dem Betäubungsmittelgesetz ist aber der Verkauf von CBD-reichem und THC-armem, also circa ein Prozent Gesamt-THC enthaltendem Cannabis weiterhin erlaubt und wird umsatzmäßig dominierend sein. Eine Anpassung an die deutsche Gesetzessituation wäre vor allem für jene Patienten sinnvoll, denen der Zugang zur CBD-Magistralrezeptur vorläufig verwehrt ist.

Zur Person:
Rudolf Brenneisen (67) ist Professor der Pharmazie und gilt als einer der international führenden Cannabisforscher. Er ist Mitglied der Schweizerischen Arbeitsgruppe für Cannabinoide in der Medizin (http://www.stcm.ch). TV-Hinweis: https://www.srf.ch/sendungen/tagesgespraech/rudolf-brenneisen-berner-cannabis-forscher