Über die Hürden und Chancen von Cannabinoiden in der Medizin

und ob sich CBD tatsächlich in THC umwandeln lässt, haben wir Peter Rausch in einem Gespräch gefragt.

Der Chemiker Peter Rausch entwickelte in den 90er-Jahren die weltweit erste Hanfkosmetik-Serie und forscht seit Jahrzehnten mit Cannabis. Der Chemiker verfügt über vier Cannabis-Patente und gilt als Pionier der Hanfforschung. Wir haben mit ihm über die Hürden und Chancen von Cannabinoiden in der Medizin gesprochen und ob sich CBD tatsächlich in THC umwandeln lässt.

Nur wenige Ärzte setzen in Österreich bereits auf Cannabinoide und wissen um die Therapiemöglichkeiten. Wie schätzen Sie die künftige Entwicklung ein?

Die meisten der über 60 natürlichen Cannabinoide sind kaum erforscht. Der Einsatz von THC ist durch seine Einstufung als Suchtmittel und die fehlende Kenntnis der Ärzte als Arzneimittel stark gehandicapt. CBD unterliegt zwar nicht dem Suchtmittelgesetz, hat aber aus anderen Gründen keine guten Karten. Nur wenige synthetische Cannabinoide wurden bisher als Arzneimittel eingesetzt. Sehr erfolgreich war die Cannabisforschung hingegen bei der Entdeckung von Cannabis-Rezeptoren und den körpereigenen Endocannabinoiden, die wichtige Funktionen in unserem Körper steuern. Diese Erkenntnisse wie auch die bereits erprobten Therapiemöglichkeiten mit Cannabinoiden werden aber bei der ärztlichen Ausbildung nicht ausreichend vermittelt. Hier müsste sich dringend etwas ändern.

In Studien konnte gezeigt werden, dass CBD im Magen je nach Durchblutung und Magensäure in THC umgewandelt wird. Was bedeutet das für die medizinische Wirkung von CBD? Kann eine psychotische Wirkung von CBD dann überhaupt ausgeschlossen werden?
CBD ist eine direkte Vorläufersubstanz zur Erzeugung von THC, was mit einfachen Methoden wie der Isomerisierung durchgeführt werden kann. Spannend ist, dass dies in der Öffentlichkeit noch nicht bekannt ist. Denn auch in der Magensäure werden, je nach vorhergehender Nahrungsaufnahme, mehr oder weniger große Mengen CBD direkt in THC umgewandelt. Das ist aus meiner Sicht auch das wohl größte Hindernis für eine breite und erfolgreiche Verwendung von CBD in der Medizin, denn früher oder später könnte auch CBD unter die Suchtmittelbestimmungen fallen.

Ist der jetzige CBD-Hype dann überhaupt gerechtfertigt? CBD erfordert ja eine sehr hohe Dosierung, um überhaupt eine medizinische Wirkung zu erzielen.
Ich halte die herrschende CBD-Hysterie für völlig überzogen. Denn abgesehen von den Nachteilen wie einer hohen Dosierung, fehlenden klinischen Daten und der mangelnden Patentierbarkeit bewegt sich der Hype im illegalen Bereich. Weder als Arzneimittel noch als Nahrungsergänzungsmittel oder für Kosmetika ist CBD derzeit zugelassen. Das wird gezwungenermaßen die Behörden veranlassen zu reagieren, und das zeichnet sich mit der neuen Suchtmittelnovelle bereits ab. Eine geänderte Gesetzeslage könnte auch zu Anbaubeschränkungen führen.

Halten Sie es für realistisch, dass CBD zur nervenschützenden Therapie nach traumatischen Hirnverletzungen und Schlaganfällen eingesetzt wird?

Die nervenschützende Wirkung wurde meines Wissens bisher nur an Ratten festgestellt. Ob das beim Menschen auch der Fall ist, muss erst untersucht werden. Wenn sich die Annahme bestätigt, müsste CBD aber sehr schnell in injizierbarer, also wasserlöslicher Form an Schlaganfallpatienten verabreicht werden, denn hier zählt jede Minute.

Sie konnten zeigen, dass THC durch die Biosynthese, aber auch durch äußere Einflüsse wie eine kurzwellige UV-Strahlung gebildet wird. Ist damit eine THC-freie Züchtung von Cannabispflanzen überhaupt möglich?
Ich bin kein Biologe, denke aber, dass dies mit den heutigen gentechnischen Methoden möglich ist.

Was bedeutet diese Erkenntnis für Freizeitkonsumenten? Reicht eine UV-Lampe zu Hause, um CBD-Blüten in THC-Blüten umzuwandeln?

Es gibt eine wissenschaftliche Studie, die zeigt, dass CBD, in einem bestimmten Lösungsmittel gelöst und durch eine bestimmte UV-Wellenlänge bestrahlt, in THC umgewandelt werden kann. Ob das auch direkt mit den Blüten auf der Pflanze funktioniert, kann ich nicht sagen.

Cannabinoide sind alkohol- und fettlöslich, beides ist kein Vorteil in der medizinischen Anwendung. Was bedeutet das für den Einsatz von Cannabinoiden in der Medizin?
Cannabinoide sind leider nicht wasserlöslich, sondern alkohol- und fettlöslich. Daher werden sie vom Körper nur zu etwa 20 Prozent aufgenommen. Das heißt, dass etwa 80 Prozent des weltweit konsumierten THC nach oralem Konsum in der Toilette oder beim Rauchen hauptsächlich in Form von Zersetzungsprodukten in der Atmosphäre landen.

Welche Aufnahme von CBD oder THC halten Sie bei ärztlicher Anwendung für am zielführendsten?

Am effektivsten wäre eine wasserlösliche Form aufgrund der besseren Bioverfügbarkeit und der Möglichkeit intravenöser Verabreichung, etwa bei Infusionen für Krebspatienten, nach Schlaganfällen und Schädel-Hirn-Traumen. Das ist zwar nicht sexy, aber zielführend.

Wo sehen Sie die größten Nachteile von CBD in der therapeutischen Anwendung?

CBD kann sehr leicht in THC umgewandelt werden und ist noch schwerer löslich als THC. Durch die schlechte Aufnahme muss die Dosierung relativ hoch sein, bis zu ein Gramm täglich und mehr. Hinzu kommt, CBD ist ein vielseitiges Universalmedikament mit vielen pharmakologischen Wirkungen, aber genau das ist in der medizinischen Anwendung eben nicht erwünscht. Der Arzt will ja ein Medikament, das zuverlässig gegen ein Symptom wirkt und nicht zusätzlich immunstimulierend, antidepressiv und leberschützend wirkt und weitere Nebenwirkungen besitzt.

Wie lautet Ihr Fazit zum jetzigen CBD-Hype?
CBD ist ein interessanter Stoff mit einer Vielfalt interessanter medizinischer Wirkungen, die aber am Menschen bisher noch wenig erforscht sind. Vor allem wegen seiner leichten Umwandlungsmöglichkeit zu THC scheint es mir als Arzneimittel nur in begrenztem Ausmaß verwendbar zu sein. Medizinisch interessanter könnten synthetische CBD-Derivate sein, die einzelne Wirkungen von CBD bei größerer Wirksamkeit spezifisch beinhalten und eben keine Vorläuferstoffe von THC sind. Weiterer Vorteil: CBD-Derivate können für die extrem kostspieligen Arzneimittelregistrierungen patentrechtlich ausreichend geschützt werden.

Kurzporträt:
Peter Rausch gründete 1980 seine Firma Nektar Naturkosmetik und beschäftigt sich seither mit der Entwicklung und Erzeugung von hochqualitativen Kosmetikprodukten auf Basis natürlicher heimischer Rohstoffe. Der Chemiker forscht seit Jahrzehnten mit Cannabis, verfügt über vier Cannabis-Patente und gilt als Pionier der Hanfforschung. Seine jüngste Entwicklung ist ein Verfahren, um natürliche Cannabinoide wasserlöslich und damit für die Medizin besser verabreichbar zu machen.